Schlussbetrachtung
Die indirekte Erwähnung der Königsnamen in anderen Quellen (Gräber, Papyri, Reisebeschreibungen) ist wie schon dargelegt, keine verlässliche Bestätigung für eine Zugehörigkeit der vermeintlichen Grabstätte zu den beschriebenen Königen, da es sich meist um Überlieferungen in schriftlicher und mündlicher Form handelt.
Interne Inschriften an Kämmerinnenwänden und Sarkophagen wurden als direkter Beweis der Fachwelt für eine namentliche Zuordnung gewertet. Ebenso könnten diese Beweise, wie schon dargelegt, nachträglich in Sarkophagen und Totentempeln sowie an Kammerinnenwänden angebracht worden sein. Hierbei bedeutet -nachträglich- zeitlich und personell völlig unabhängig zu einem Ursprungsbau. Am Beispiel der Djoser-Pyramide bedeutet der Begriff -Ursprungsbau- die 1. Mastaba. Daraus folgt, dass diese 1. Mastaba nicht von König Djoser sein muß, sondern das vielleicht Erweiterungen an dem Ursprungsbau und den umliegenden Komplex auf "sein Konto" gehen könnten. Damit muss König Djoser zeitlich in keinem Zusammenhang mit dem Schöpfer der Ursprungsmastaba stehen. Daraus folgt wiederum, dass König Djoser nicht der Gesamtschöpfer und damit Grabinhaber des heute zu bewundernden Pyramidenkomplexes ist, sondern einer von etlichen Mitwirkenden! Er steht also möglicherweise nur in einer Kette vorangegangener und / oder nachfolgender Könige als Bauauftraggeber.
An dieser Stelle sind Parallelen zu der großen Tempelanlage von Luxor angebracht, welche ebenfalls durch viele Pharaonen erbaut und erweitert wurde. Deutliches Zeugnis dafür ist eine vierfache Krümmung der Tempelachse. An eine bereits existierende Tempelhalle, begonnen von Amenhotep III., wurden dort drei weitere einfach vorn, im jeweiligen Tempeleingangsbereich, angefügt. Die zweite Hallenerweiterung stammt ebenfalls von Amenhotep III., die Dritte von Tut-Anch-Amun und Haremhab und letztlich die vierte von Ramses II., welche alle dadurch den Tempelkomplex erheblich erweiterten. Die Krümmung der Tempelachse entstand, indem jeder der drei Tempelabschnitte erneut auf astronomische Erscheinungen ausgerichtet bzw. eingemessen wurde. In diesem Tempelareal treten Größenunterschiede der Tempelabschnitte und stilistische Vielfalt ebenso offen zu Tage, wie überlebensgroße Statuen mit ihren verschiedenen Königskartuschen, welche den Bauauftraggeber benennen und damit verbunden auch einem Königskult dienen.
Gibt es aber in einem Pyramidenbezirk nicht ebenso ablesbare Bauetappen, Größenunterschiede, stilistische Eigenheiten und manchmal sogar mehrere verschiedene Königskartuschen? In der Fachwelt besteht zwischen dem Luxor-Tempel und den königlichen Pyramiden z.Z. ein gravierender kultischer Unterschied. Der Luxor-Tempel ist eine Verehrungsstätte für den "Staats-Gott" Amun-Re, währenddessen die Pyramiden königliche Gräber darstellen sollen. Da aber außer Nachbestattungen keine königliche Mumien bzw. deren Reste in den Pyramiden sichergestellt werden konnten, Inschriften in den Innenräumen nachträglich angebracht sowie Nebenbauten im Umkreis der Pyramiden ebenso gut zusätzlich errichtet worden sein könnten, besteht für eine Grabtheorie m.E. wenig Anlass.
Die zentralen Hauptpyramiden des Alten Reiches waren m.E. keine Gräber. Sie bildeten mit ihren Nebenbauten große Kultstätten, welche sehr differenzierte Funktionen besaßen und lassen sich daher in zwei Gruppen unterteilen:
1. Kultbauten:
Die Pyramidenkomplexe waren funktionierende Kultbühnen für Begräbnis- und / oder Krönungsrituale. Aufgeführt wurden an diesen Orten möglicherweise kultische "Stücke" abgeleitet von |
stellaren und / oder solaren Konstellationen. Als Beispiele dazu mögen der Zeitpunkt des Aufstiegs der Königsseele zu den "Unvergänglichen" (Zirkumpolarsternen) oder die Reise dahin durch die Überquerung des cha-Kanals (Ekliptik) mit Hilfe des "Rückwärtsblickers" (abnehmende? Mondsichel) dienen. Prädestiniert für solche Rituale erscheinen mir alle die Pyramiden des Alten Reiches zu sein, deren Innenräume neutral, d.h. ohne Inschriften in den "Grabkammern" waren. Folgende Bauwerke könnten dazu gehören: die drei großen Pyramiden von Gizeh, die beiden Pyramiden in Dahschur und die Mastaba "El-Faraun" in Sakkara Süd. Etwas unklarer sind wegen der fehlenden Innenräume die Pyramiden von Abu Roasch und Saujet el-Aryan, aber wegen ihrer Größe und Bauart sollen sie hier mit angeführt werden. Die Kultbauten könnte man heute mit einer Mehrzweckhalle vergleichen. Zugegeben, ein kurioser Vergleich. Er trifft aber den Kern, denn eine solche Halle ist meist neutral und wird erst zu verschiedenen Festlichkeiten unterschiedlich ausgestaltet bzw. ausgeschmückt. So gibt es für vielerlei Anlässe unterschiedlich große Räume. Selbst für "Kultgegenstände" (heute: Dekoration) gibt es "Magazine" (heute: Abstellräume)! An den Kultbauten lassen sich erstaunlich viele innere und äußere bauliche Änderungen und regelrechte bautechnologische Ungereimtheiten feststellen welche m.E. eine Anpassung oder gar eine Änderung von Ritualen dokumentieren.
2. Privatbauten:
Sicherlich waren die nicht unter Punkt a genannten und damit verbleibenden Pyramiden in ihrer Gesamtheit eine Verehrungs- und Opferstätte für einen jeweils verstorbenen König. Selbstverständlich besteht hier die Möglichkeit, dass in diesen Pyramidenbezirken Mumifizierungs- und Einbalsamierungshandlungen vorgenommen wurden, aber nur an dem im Pyramideninneren namentlich Genannten. Ist diese traditionelle Ansicht, daß im Pyramidenbezirk nur ein verstorbener König verehrt wurde, nicht etwas einäugig? Bestand nicht der gleiche Wunsch der Huldigung gerade für einen regierenden lebenden König? Meiner Meinung waren diese Könige ebenfalls Menschen mit einem überschwänglichem Hang zur Eitelkeit. Folglich wollten sie mit Sicherheit möglichst das Endergebnis ihrer Bauaufträge sehen und eine Huldigung als Gott-König schon zu Lebzeiten in ihren Pyramiden / Mastabenkomplexen erfahren! Gerade deshalb meine ich, das die unter 1. nicht aufgeführten Pyramiden-Komplexe Privatkapellen und zugleich Privattempel waren, worin Bestattungszeremonien aber auch sog. "Heb-Sed" Feste abgehalten wurden. Eine Bestattung in der jeweiligen Hauptpyramide halte ich jedoch für unwahrscheinlich. Die Privatbauten lassen zumindest in ihren Innenraumanordnungen schon eine Uniformität erkennen, welche auf einen einheitlichen Nutzen schließen läst. Dennoch erfuhren auch sie diverse Anpassungen. Gründe dafür könnten in Gebäude-Usurpationen, manifestiert in einer Umgestaltung von Pyramidentexten zu suchen sein, oder in Restaurationen, welche durch bauliche Alterungsprozesse notwendig wurden.
Alle zentralen Hauptpyramiden besaßen mit Sicherheit feste Funktionen die sich mit der Zeit jedoch auch ändern konnten. Möglicherweise ist hierin auch die Ursache für ein nachträgliches Anbringen der Pyramidentexte zu suchen, in dem sich die Funktion der Pyramide von einem Kultbau in einen Privatbau ändern konnte.
Die Taltempel mit ihren Kaianlagen aus allen Pyramiden- / Mastabenkomplexen, sind m.E. nicht nur für ein einziges Mal der Benutzung errichtet, sondern für alle o.g. Zeremonien (bis auf das Mumifizierungsritual - wenn es dort stattfand) mehrfach angesteuert worden.
Mit möglichen Funktionsänderungen veränderte sich wahrscheinlich auch ihr Äußeres. Diese Änderung der äußeren Gestalt und Größe einer Pyramide ähnelt sehr stark einer Metamorphose. |